Peaceful Impact Publisher

Was ist Polyvagal-Theorie?

Anssi LeikolaPsychiater, Therapeut, Schriftsteller, Traumabetroffener

11.3.2019

Trauma und Dissoziation – unser Dokumentarfilm in der vierten Episode erklärt Anssi Leikola die Polyvagal-Theorie in Kürze und erzählt, warum die Internalisierung dieser Theorie in der Therapiearbeit so wichtig ist und wie sie das menschliche Verhalten erklären kann.

Ein Teil des menschlichen Nervensystems arbeitet automatisch, d.h. ohne absichtliche Regulierung, wie Blutkreislauf, Verdauung, Wärmeregulierung und Atmung. Sie geschehen ohne bewusste Anstrengung. Gleiches gilt für die Abwehrreaktion in lebensbedrohlichen Situationen.Die biologische Basis für diese Abwehr und das Überleben ist das autonome Nervensystem.Die neuartige Theorie des Funktionierens des autonomen Nervensystems wird Polyvagal-Theorie genannt.

Bei Gefahr – vor jeder bewussten Handlung – schaltet sich ein automatischer Verteidigungsmechanismus ein, und der Körper bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor.

 

Wenn diese Art von aktiver Reaktion jedoch nicht funktioniert, reagiert das autonome Nervensystem mit der passiven Alternative, damit es Energie sparen kann.

Das autonome Nervensystem reagiert auf Todesgefahr durch völlige Unterwerfung und Lähmung.

Dies ist der Kern der Polyvagal-Theorie.

Emotionale Schäden hinterlassen so tiefe Spuren, dass selbst in Situationen, die nicht bedrohlich sind, Aggression, Angst oder Lähmung entstehen können. Die Paralyse kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen, beispielsweise durch Erschöpfung, Muskelschwäche oder Zuckungen.

Es kann sich auch auf sozialer Ebene zeigen, als Unfähigkeit, sich zu behaupten oder persönliche Grenzen zu setzen.

Man kann ebenso gut an Problemen leiden, die durch eine Überreaktion g verursacht werden: Angstzustände, Panik oder ständige Wachsamkeit; dies sind sehr energieverzehrende Folgen eines Traumas.

All diese Aktivitäten, die ursprünglich zur Abwehr von Bedrohungen gedacht waren, werden auch vom autonomen Nervensystem reguliert.

Dies geschieht unbewusst, obwohl die Bedrohung selbst schon lange nicht mehr besteht!

Die Polyvagal-Theorie erlaubt uns, depressive Zustände auf eine völlig neue Art und Weise zu betrachten – sie können als Zustände eines traumabedingten Hypoarousals angesehen werden. 

Wenn jemand zu Hypoarousal neigt, ist die Fähigkeit sich zu verteidigen geschwächt und macht anfällig für weitere traumatische Erlebnisse.

Der Erfinder der Polyvagal-Theorie ist Dr. Stephen Porges.

#nachhaltigepsychiatrie 

KURZER DOKUMENTARFILM ÜBER TRAUMA UND DISSOZIATION

Die Dokumentation besteht aus insgesamt sechs Episoden. Wir empfehlen, sie in der Reihenfolge der Veröffentlichung anzusehen. Der Dokumentarfilm wurde auf Finnisch und Englisch und mit deutschen und schwedischen Untertiteln produziert.

  1.  Nachhaltige Psychiatrie
  2. Emotionales Trauma
  3. Strukturelle Dissoziation, Teil 1 und 2
  4. Polyvagal-Theorie
  5. Traumabewusste Behandlung, Teil 1 und 2
  6. Besser: sprechen aus Erfahrung?