Peaceful Impact Publisher

Was bedeutet traumabewusste Behandlung? 

Anssi LeikolaPsychiater, Therapeut, Schriftsteller, Traumabetroffener
Carita Kilpinen, 
Unternehmerin, Vorsitzender und Traumabetroffene

11.3.2019

Im ersten Teil der fünften Episode von Trauma und Dissoziation – unser Dokumentarfilm erklärt Anssi Leikola, was traumabewusste Behandlung ist.

Abgekapseltes Trauma ist immer etwas Unfertiges. Obwohl man auf viele Arten weiterleben und sich entwickeln kann, steckt ein Teil der Persönlichkeit in der Trauma-Erfahrung und in der Trauma-Zeit fest. Man kann das Trauma-Gedächtnis nicht willentlich abrufen, sondern es wird durch eine Trauma-Erinnerung ausgelöst. Im Allgemeinen wird das Trauma-Gedächtnis nur teilweise aktiviert; es werden nur einige Fragmente wahrgenommen. Manchmal kann es auch vollständig aktiviert werden, so dass man von einem Flashback sprechen kann.

Eine traumabewusste Behandlung behandelt psychische Probleme als etwas, das durch das Umfeld oder die Umwelt verursacht wird, und nicht zum Beispiel genetisch bedingt ist. Hieraus entsteht Verantwortung.

Die gemachten belastenden Erfahrungen zu verstehen, zu realisieren und in Beziehung zu setzen ist heilsam. Dies ist jedoch bei Traumata eine besonders schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, da der Mensch von Natur aus dem ausweicht und das vermeidet, was bedrohlich ist.

Es ist wichtig zu verstehen, was die überproportionalen Emotionen und Zustände, d. h. die Überreaktion im Verhältnis zur aktuellen Situation aussagen. Sie tragen eine wichtige Botschaft aus der Vergangenheit, die entschlüsselt werden kann. Dazu brauchen wir einen anderen Menschen und verbales Teilen. Dies ist besonders schwierig, wenn sehr belastende und unerträgliche Dinge geschehen sind.

Ein häufiges Problem ist, dass in einem therapeutischen Setting oft nur ein Teil des Menschen betrachtet und gesehen wird, auf Grundlage dessen dann zu weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden. Dies führt zu vielen Missverständnissen und Problemen, und vor allem fühlt sich der Patient nicht richtig wahrgenommen. Die Traumatheorie hilft uns, ein vielseitigeres und realistischeres Gesamtbild zu erhalten,   so dass ein besseres Behandlungsziel erreicht werden kann.

In der Behandlung von Trauma gibt es mehrere Phasen. Eine erfolgreiche Behandlung dauert sehr lange. Zunächst muss ausreichend Sicherheit und Vertrauen aufgebaut werden. Das Gefühl der Sicherheit ist die wichtigste Voraussetzung für die erfolgreiche Trauma-Behandlung. Die Behandlung muss korrigierende, emotionale Erfahrungen beinhalten, wie beispielsweise die Erfahrung, dass man mit seinen Problemen nicht mehr alleine sein muss!

Dann ist es möglich, völlig neue Erfahrungen zu gewinnen: verstanden, wirklich gesehen und richtig wahrgenommen zu werden. Ganzheitlich verstanden und gesehen zu werden ist an sich schon heilend und führt zu einer erhöhten Realisierung der Vergangenheit und Gegenwart. 

Dies kann eine wunderbare Wirkung auf einen Menschen haben, es kann ihn von den Fesseln der Vergangenheit befreien.

Eine Tatsache ist, dass korrigierende, emotionale Erfahrungen sehr oft und wiederholend für die Heilung des Kindheitstraumas nötig sind. Dies erfordert sehr viel Zeit und sehr viel Geduld, was in Zeiten des Effizienzdenkens nicht als angemessen und vernünftig betrachtet wird. Daher ist es unvermeidlich, dass die Vorstellung dabei entsteht, dass man sich von einem Trauma nicht erholen kann. Es kann auch sein, dass die Zeit, die für das Erreichen des Ziels festgesetzt wurde, einfach zu kurz ist!

Eine ausreichend lang andauernde Trauma-Behandlung macht sich letztendlich um ein Vielfaches bezahlt, und ist so sehr kosteneffizient.

Im zweiten Teil der fünften Episode von Trauma und Dissoziation – unser Dokumentarfilm veranschaulicht Carita Kilpinen mithilfe einer Animation Trauma-Therapie und Heilung.

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#traumaueberwinden

KURZER DOKUMENTARFILM ÜBER TRAUMA UND DISSOZIATION

Die Dokumentation besteht aus insgesamt sechs Episoden. Wir empfehlen, sie in der Reihenfolge der Veröffentlichung anzusehen. Der Dokumentarfilm wurde auf Finnisch und Englisch und mit deutschen und schwedischen Untertiteln produziert.

  1.  Nachhaltige Psychiatrie
  2. Emotionales Trauma
  3. Strukturelle Dissoziation, Teil 1 und 2
  4. Polyvagal-Theorie
  5. Traumabewusste Behandlung, Teil 1 und 2
  6. Besser: sprechen aus Erfahrung?